Die Gewinner 2016


Interview mit Prof. Dr. Werner Bick:

In diesem Jahr wird für den Industrie 4.0-Award kein Gesamtpreis vergeben. Warum?

Wir hatten diesmal ein sehr heterogenes Teilnehmerfeld mit sehr guten Lösungen in verschiedenen Themenfeldern. Dabei konnte sich kein klarer Gesamtsieger abheben.

 


Welche Kategorien haben sich stattdessen ergeben und wie können diese beschrieben werden?

  • Intelligente Automatisierung: Fabriken mit sehr hohem Automatisierungsgrad, die sehr viele Industrie 4.0-Technologien mit klassischen Automatisierungsansätzen kombinieren
  • Integration Design & Produktion: Firmen, die eine digital durchgängige Prozesskette über Produktentwicklung und -design, Industrialisierung und Produktion aufgebaut haben.
  • IoT@KMU: In dieser Kategorie finden sich kleine mittelständische Unternehmen, die trotz überschaubarer Ressourcen und Finanzmittel sehr innovative Industrie 4.0-Anwendungen geschaffen haben.
  • Lean Industrie 4.0: Diese Firmen verstehen den Einsatz der neuen technischen Möglichkeiten als logische Fortsetzung ihres Strebens nach der Schlanken Fabrik. D.h. zuerst robuste und schlanke Prozess schaffen und dann diese durch Industrie 4.0 aufwerten.

Wenn man die vorhergehenden Wettbewerbe betrachtet: Ist dieses Ergebnis ein Indiz dafür, dass die Unternehmen heute Industrie 4.0 viel individueller angehen als früher?

Ja, glauben wir schon. Bei vielen Unternehmen kristallisieren sich die Ansätze heraus, die zu ihrem Branchen- und Prozessumfeld passen und die ihre Erfolgsfaktoren unterstützen.

 

Wenn man die Kategoriesieger betrachtet – was hat beispielsweise ABB seinen Wettbewerbern in Sachen intelligente Automatisierung voraus? Wo ist das Unternehmen weiter als andere?

Vorteilhaft für ABB Stotz war natürlich, dass viele der erforderlichen, innovativen Automatisierungstechnologien und -lösungen im ABB-Konzern verfügbar waren.

 

Dieser Sachverhalt wurde bei der Auslegung und der Umsetzung der neuen Linie konsequent genutzt und hat zur Qualität der Lösung sicherlich beigetragen.

Gerade KMU stehen dem Weg zu Industrie 4.0 häufig ablehnend gegenüber. Was können Sie von Mangelberger lernen, was die Umsetzung von Industrie 4.0 geht?

Es müssen eine klare Vision und klare Ziele definiert sein. Und es muss eine engagierte Unternehmerpersönlichkeit 100% hinter dem Vorhaben stehen und das Thema konsequent vorantreiben. 

SEW Eurodrive hat zuerst Lean praktiziert und dann Industrie 4.0. Wie weit ist Lean die Grundlage für die gelungene Digitalisierung?

Die Umsetzung der Lean Prinzipien ist aus unserer Sicht eine zwingende Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg bei der Digitalisierung der Produktion. Nur bei robusten und schlanken Prozesse können die neuen technischen Möglichkeiten greifen. Die meisten Industrie 4.0-Projekte würden bei instabilen und unnötig komplexen Prozessen mit Sicherheit scheitern! 

Klingelnberg hat den Gesamtprozess der Kegelradfertigung digitalisiert. Welche Herausforderungen bestehen und von welchen Maßnahmen können andere Unternehmen etwas lernen?

Im speziellen Fall Klingelnberg waren es hauptsächlich die fehlende Kompatibilität der bzw. die fehlenden Schnittstellenstandards zwischen den entlang der Prozesskette eingesetzten IT-Systemen wie z.B. Berechnungsprogramme, CAD, CAM, ERP, CAQ und Maschinensteuerung.


Generell sehen wir bei der Digitalen Fabrik jedoch die größte Herausforderung bei der Überwindung von organisatorischen Hindernissen bzw. dem Silo-Denken von Entwicklung, Konstruktion, Arbeitsvorbereitung und Produktion. Dieses verhindert die Bereitstellung von hochqualitativen, durchgängigen und redundanzfreien Daten.    

Haben alle vier Preisträger trotz der verschiedenen Lösungen Gemeinsamkeiten, etwa in der Art, wie sie Ideen generieren oder wie sie strukturiert sind? Gibt es etwa eine bestimmte treibende Kraft, die die Herausforderung Digitalisierung steuert?

Eine treibende Kraft ist sicherlich, dass das Top-Management voll hinter dem Vorhaben stehen muss. D.h. das Management muss eine Vision vorgeben und vorleben. Ebenso müssen die Projektteams die entsprechenden Ressourcen und Freiheitsgrade bekommen um zügig die Themen umsetzen zu können.

 

Wenn Sie die vorhergehenden Wettbewerbe betrachten: hat sich der Umgang mit Industrie 4.0 verändert? Wenn ja, wie?

Grundsätzlich sehen wir keine wesentlichen Veränderungen mit Ausnahme der offensichtlichen Tatsache, dass die eingereichten Lösungen umfangreicher und ausgereifter sind.

 

Was können Sie künftigen Bewerbern auf den Weg geben? Warum lohnt sich die Teilnahme in kommenden Jahr?

Die Teilnahmen lohnt sich auf jeden Fall. Für die Gewinner ist der Nutzen offensichtlich, nämlich

·         intern wie extern sehr viel Publicity für ihre Industrie 4.0 Aktivitäten zu bekommen und

·         den eigenen Kunden gegenüber hohe Innovationskraft zu beweisen.

 

Und auch wenn die Teilnahme am Ende zu keinem Gewinn führt: Von allen bisherigen Teilnehmern haben wir das Feedback, dass die Teilnahme selbst einen Nutzen für das Unternahmen gebracht hat. Der Bewerbungsprozess erfordert eine bewusste Beschäftigung mit den Zielen, dem Nutzen und den Lessons Learned der eigenen Industrie 4.0-Aktivitäten. Und das hat in vielen Fällen dazu geführt, dass Ziele nachgeschärft wurden, neue Ideen generiert wurden und die eigene Industrie 4.0 Roadmap überdacht wurde.


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